Vom Atem zur Funktion: Wie Mundatmung, Kieferentwicklung und CMD zusammenhängen

WISSEN & IMPULSE

Vom Atem zur Funktion:
Wie Mundatmung, Kieferentwicklung und CMD zusammenhängen

Vom Atem zur Funktion:

Wie Mundatmung, Kieferentwicklung und CMD zusammenhängen

Die Morphologie des Gebisses ist im Wesentlichen von genetischen Faktoren und insbesondere vom Einfluss der orofazialen Muskulatur, die das Gebiss innen und außen umgibt, bestimmt. Nicht nur die Funktionen Atmen, Saugen, Kauen, Schlucken und die Ruhepositionen der Muskulatur wirken gestaltend auf das Wachstum des Gebisses ein, sondern auch die Mimik ist daran beteiligt.

Physiologische Bewegungsmuster unterstützen gesundes Wachstum, abweichende Bewegungsmuster können zu Formveränderungen des Mundraums und der Zahn- und Kieferstellung führen. Vice versa nimmt aber auch die Form Einfluss auf die Funktionsabläufe. Es besteht also eine wechselseitige Beeinflussung von Form und Funktion.

Proffit (2012, S. 119) beschreibt dieses Prinzip folgendermaßen: „Form und Funktion stellen die statischen und dynamischen Aspekte der organismischen Ganzheit dar und stehen in einer untrennbaren Wechselbeziehung. Der ursprünglich in der Designerlehre geprägte Begriff ‚form follows function‘ spiegelt ein naturgesetzliches Prinzip wider, das in der gesamten Entwicklungsgeschichte nachzuweisen ist und somit auch für (zahn-) ärztliches Handeln normative Bedeutung besitzt.“

Diese Wechselwirkung kann einerseits zu orofazialen myofunktionellen Störungen (OMS) und Dysgnathien führen, ermöglicht aber anderseits therapeutische Einflussnahme über die Funktion auf die Form. Dieses naturgesetzliche Prinzip liegt der myofunktionellen Therapie (MFT) Wirkmechanismus zugrunde:

Mundatmung als Schlüsselphänomen

Die Art, wie wir atmen, beeinflusst Entwicklung, Gesundheit und Wohlbefinden entscheidend. Chronische Mundatmung führt nicht nur zu unphysiologischen Druckverhältnissen im Mundraum, sondern wirkt sich auf Lymphfluss, Kieferwachstum, Bisslage und letztlich auf das gesamte Körperhaltungssystem aus.

Die offene Mundhaltung hat viele systemische Bedeutungen, unter anderem:

  • ein Frühwarnsignal für myofunktionelle Störungen,
  • ein Hinweis auf lymphatische Stauungen,
  • oder ein Trigger für craniomandibuläre Dysfunktionen.

 

Form folgt Funktion – und umgekehrt

Die Gestalt des Gebisses entsteht durch das Zusammenspiel von genetischen Faktoren und Muskelfunktionen: Atmen, Saugen, Kauen, Schlucken und Sprechen.

Abweichende Bewegungsmuster verändern den Mundraum – und umgekehrt beeinflusst die Form die Funktion. Diese Dynamik erklärt, warum myofunktionelle Therapie (MFT) so wirksam ist: Sie nutzt Funktion, um Form zu verändern.

Wir berücksichtigen in unserem Therapieansatz die Erkenntnisse von Proffit (1986, 2007), der annimmt, dass der Atemmodus den größten Einfluss auf die Muskulatur und das Gebiss hat, weil die Atmung zeitlebens rund um die Uhr andauert.

Der Kieferorthopäde Proffit (1986, 2007) betont, dass die Dauer und nicht die Größe der Muskelkräfte beim Kauen und Schlucken der zentrale Faktor für entscheidende Effekte auf Kieferwachstum und Zahnbewegung ist. Die Krafteinwirkungen beim Kauen und Schlucken sind zwar größer, aber äußerst kurz, sodass ihr Einfluss auf den Knochen gering ist. Jene Muskelkräfte, die den größten Einfluss auf das Gebiss haben, wie der Modus der Atmung, gehen von den Ruhelagen der Muskulatur aus.

Atmen gehört zu den selbstverständlichsten Vorgängen unseres Lebens – und doch entscheidet die Art, wie wir atmen, maßgeblich über Gesundheit, Entwicklung und Wohlbefinden.

In der Myofunktionellen Therapie (MFT) liegt der Fokus oft auf Zungenlage und Schlucken. Was jedoch bisher zu wenig berücksichtigt wird, ist die Atmung – und hier insbesondere die Bedeutung der Nasenatmung.

Die Nasenatmung – unsere physiologische Superkraft

Die Nasenatmung ist die oberste Vitalfunktion im orofazialen System. Sie sorgt für:

  • gereinigte, befeuchtete und temperierte Atemluft,
  • optimalen Gasaustausch und Aktivierung des Parasympathikus,
  • und stabile intraorale Druckverhältnisse durch Lippenkontakt und Zungenruhelage.

 

Wechselwirkung von Ruhelagen und Funktionen

Wenn die orofaziale Muskulatur nicht mit der Nahrungsaufnahme oder der Kommunikation beschäftigt ist, nimmt sie ihre Ruhelage ein.

Der habituelle Mundraumabschluss (=habitueller Lippenkontakt) ist der Schlüssel für physiologische Ruhe-Weichteilbeziehungen und physiologische Funktionen, insbesondere die primäre Funktion der Nasenatmung.

 

Ruhe-Weichteilbeziehungen und intraoraler Unterdruck

Adäquate Druckverhältnisse im Mund- und Nasenraum sind nur bei physiologischen Ruhe-Weichteilbeziehungen möglich. Der gestaltende Weichteildruck von Zunge, Lippen und Wangen auf Kiefer und Gebiss wird nicht nur durch die Kraft der Muskulatur bewirkt, sondern lässt sich als Folge des Unterdrucks (Sogwirkung) im Mundraum erklären (Fränkel & Fränkel 1992).

Richtige Druckverhältnisse im Mund- und Nasenraum sind nur gegeben, wenn die Lippen in vollständigem Kontakt sind. Gestörte Ruheweichteilbeziehungen mit offener Mundhaltung sind immer von gestörten intraoralen Druckverhältnissen begleitet und ziehen orofaziale myofunktionelle Störungen (OMS) in allen Variationen nach sich.

Die MFT betrachtet die habituelle Nasenatmung daher als übergeordnete Funktion, die größte Auswirkungen auf alle weiteren Funktionen hat.

Gestörte Ruhe-Weichteilbeziehungen (z. B. durch offene Mundhaltung) führen dagegen zu:

  • Lymphstauungen,
  • myofunktionellen Dysbalancen,
  • gestörter Bisslage und langfristig
  • CMD-Symptomatik

 

CMD als Folge chronischer Dysbalance

Der Mund ist ein „Stressorgan“ – Redewendungen wie „Beiß dich durch“ oder „Zähne zusammenbeißen“ beschreiben treffend, wie emotionale und körperliche Anspannung sich im Kausystem manifestieren.

Doch Stress ist nicht grundsätzlich negativ. Unser Körper braucht beides :Anspannung und Entspannung.
Dauerhafte Press- oder Knirschmuster überlasten aber das System, führen zu CMD, Spannungskopfschmerzen und Fehlhaltungen.

Hier setzt die myofunktionelle Therapie an:
Sie ist nicht nur eine Übungstherapie, sondern auch eine Bewusstseinstherapie. Die MFT schult die Eigenwahrnehmung:

  • Wann haben meine Zähne Kontakt?
  • Atme ich durch die Nase oder den Mund?
  • Wie ist meine Haltung beim Sitzen oder Stehen?

 

Die Studie von Hazel Celik Güzel zeigt, wie MFT bei CMD hilft.

 

Interdiszipinäre Zusammenarbeit im Interesse der Patient:innen

Diese Grafik zeigt, dass bei OMS und CMD viele Fachrichtungen beteiligt sind:
Zahnmedizin, Logopädie, Physiotherapie, Osteopathie, Kieferorthopädie, HNO, Neurologie – sie alle betrachten denselben Patienten, nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

Eine ganzheitliche Therapie erkennt: „Wir behandeln alle den selben Raum – den Mund.“

Das MFT-Zentrum hat sich genau das zum Ziel gesetzt: einheitliche Standards für die myofunktionelle Therapie und die Förderung der Zusammenarbeit im interdisziplinären Team rund um den Mund.

Die Modulreihe MFT KOMPAKT 2.0 schafft Basis, um orofaziale myofunktionelle Störungen (OMS) nachhaltig zu behandeln – funktionell, ganzheitlich und evidenzbasiert. Sie vereint Wissenschaft, praktische Erfahrung und interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Ab 2028: Möglichkeit eines Abschlusses zum „Practicioner im Kontext der MFT“ 

Quellenangaben & weiterführende Literatur:
  • Simma, I. (2021). Ordnung im Mund macht gesund. Springer Verlag.
  • Furtenbach M. (2016). MFT Kompakt II, Neuauflage, Präsensverlag
  • Proff, P. (2012). Form und Funktion im stomatognathen System.
  • Bahnemann, (1982); Patti, Perier d’Arc (2007): Atmung und Körperhaltung.

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