WISSEN & IMPULSE
Skalpell, Schere oder Laser? Die Technik zählt bei der Behandlung von oralen Restriktionen
Orale Restriktionen, allen voran ein verkürztes Zungenband, werden zunehmend als relevanter Einflussfaktor auf Funktionen im orofazialen System erkannt. Sie können Atmung, Saugen, Kauen, Schlucken, Sprechen und nicht zuletzt die Ruhehaltung von Zunge und Lippen nachhaltig beeinflussen – oft subtil, manchmal mit weitreichenden Folgen. In der klinischen Praxis zeigen sich orale Restriktionen daher selten isoliert, sondern eingebettet in komplexe funktionelle Zusammenhänge.
Ein differenzierter, interdisziplinärer Blick auf das kurze Zungenband ist essenziell und hat große Bedeutung im Kontext der myofunktionellen Therapie. Orale Restriktionen erfordern häufig chirurgische Intervention. In der prä-operativen Vorbereitung und der post-operativen Nachbetreuung ist die Zusammenarbeit im interdisziplinären Team, u.a. mit Logopädi:nnen, sinnvoll, um einen bestmöglichen Nutzen für die Patient:innen zu erzielen.
Dieser Beitrag von Dr. Marie-Therese Brenner, ganzheitlich denkende und agierende Zahnärztin aus Wien mit Spezialisierung auf präventive Kinder- und Jugendzahnmedizin, beleuchtet den chirurgischen Beitrag und diskutiert die Möglichkeiten des Einsatzes von Skalpell oder Schere bei der Durchtrennung eines kurzen Zungenbandes.
Der Beitrag lädt zur differenzierten Auseinandersetzung mit dem Thema Zungenband ein und unterstreicht, wie wichtig Wissen, Erfahrung und interdisziplinärer Dialog für gute Entscheidungen sind.
Orale Restriktionen: chirurgische Intervention
Zur Trennung von oralen Restriktionen können unterschiedliche Instrumente eingesetzt werden. Je nach Alter und Mobilität des Patienten bzw. der Patientin, Compliance, Gewebequalität und anatomischer Ausprägung, kann der Eingriff mit Skalpell, Schere, Elektrotom oder einem Laser durchgeführt werden. Skalpelle und Scheren sind schneidende Instrumente, Laser tragen Gewebe ab. Jedes dieser Trennmedien hat seine Besonderheiten und somit Vorteile und Limitationen, die beachtet werden sollten.
In den meisten Fällen erfolgt die Behandlung in Lokalanästhesie, selten ist eine Narkose indiziert, eventuell wird die Trennung auch im Rahmen einer anderen Operation durchgeführt. Eine örtliche Betäubung muss in jedem Fall erfolgen.
Frenotomie bzw. Frenuloplastik
Die Schnitttechnik der funktionellen Frenotomie bzw. Frenuloplastik ist grundsätzlich gleich:
Durch Aufspannen der Zunge mittels Hohlsonde wird das Zungenband zur Darstellung gebracht. Die Trennung erfolgt zunächst horizontal ca. in der Mitte zwischen dem Ansatzpunkt des Zungenbandes und den Ausführungsgängen der Unterzungen – sowie der Unterkiefer-Speicheldrüse (carunculae sublinguales).
Durch weiteres Aufspannen der Zunge nach kranial-posterior während des Schnitts und ggf. laterale Erweiterung der Inzision bzw. stumpfes Präparieren werden alle restriktiven Fasern getrennt, es entsteht eine rautenförmige Wunde. Die seitlichen Spitzen der Raute sollten am Übergang des Zungenkörpers in den Mundboden liegen, um den anatomisch maximal möglichen Bewegungsumfang der Zunge zu erreichen.
Der Vorgang hat unter Schonung der benachbarten anatomischen Strukturen (A. und V. profunda linguae, M. genioglossus, N. lingualis) zu erfolgen. Durch Funktionszwischenbefunde, bei denen der Patient bzw. die Patientin die Zunge aktiv anhebt und ansaugt, wird das Ergebnis überprüft. Anschließend wird bei einer Frenuloplastik die Wunde mit resorbierbaren Nähten geschlossen. Dabei ist darauf zu achten, dass die Naht unter Spannung gesetzt wird, da es sonst rasch zu einem Nahtverlust kommt. Durch die Naht werden die Wundränder aneinander angenähert, es kommt zu einer primären Wundheilung. Wird wie bei der funktionellen Frenotomie keine Naht gesetzt, kommt es zu einer sekundären Wundheilung, d.h. die Wunde granuliert über Fibrinbildung vom Rand zum Zentrum aus.[i] Ziel der Frenotomie bzw. Frenuloplastik ist die „Befreiung“ des M.genioglossus und die Bildung eines „Neo-Frenulums“ mit mehr vertikaler Länge.
[i] Clauda Kanitz: Laser; in A. Beckmann, U. Uhlmann (Hrsg). Das restriktive Zungenband – eine interdisziplinäre Herausforderung“, Berlin: Quintessence Publishing, 2024
Schere und Skalpell
Als „Cold-Steel-Technik“ wird die Trennung mit Schere oder Skalpell bezeichnet. Die Schere ist ein bewährtes und viel genutztes Instrument und kann sowohl schneidend als auch stumpf präparierend zum Einsatz kommen. Eine Trennung mit dem Skalpell ist auch möglich, die Schnittflächen sind hierbei besonders glatt. Allerdings besteht durch die offene Klinge ein höheres Verletzungsrisiko bei unerwarteten Bewegungen des Patienten.[i] Es entsteht bei diesen Techniken mehr Blutung als bei thermisch-koagulierenden Instrumenten – dadurch kann die Übersicht im OP-Gebiet etwas eingeschränkt sein.[ii] Die Blutung lässt sich aber durch Maßnahmen wie Druck oder das Setzen einer Naht gut kontrollieren und zum Stillstand bringen
[i] Moghtader D. Frenotomie mit CO2_laser bei Säuglingen mit Ankyloglossie, Laserzahnmedizin 2024: 75, 5, 335-345
[ii] Junqueira, M.A.; Cunha, N.N.O.; Costa e Silva, L.L.; Araúji L.B.M Noretti, A.B.S; Couto, C.E.G; Sakai, V.T. Surgical techniques fort he tratment of ankyloglossia in children: A case series. J. Appl. Oral Sci. 2014, 22, 241-248
Einsatz von Laser in der Chirurgie
Laser unterscheiden sich durch ihre Wellenlängen und werden in Dioden-, Festkörper– (z. B. Nd:YAG und Er:YAG) und Gaslaser (z. B. CO2) eingeteilt.
Die Wellenlänge entscheidet über das Absorptionsspektrum und bestimmt so das Einsatzgebiet des Lasers. Chirurgische Laser kauterisieren das Gewebe während des Schnitts und reduzieren so das Blutungsrisiko. Als Nebeneffekt der Laser werden die Desinfektion des Gewebes und ein positiver Effekt auf die Wundheilung genannt.[i]
In der chirurgischen Zahnmedizin finden Dioden- und CO2 – Laser Verwendung. Die Anwendung von Lasern unterliegt einer Ausbildung und Schulung, bei der Verwendung muss auf die Einhaltung von geeigneten Schutzmaßnahmen geachtet werden, wie z.B. die Verwendung von Laserschutzbrillen.
Das Absorptionsspektrum der Wellenlänge (810-980nm) von Diodenlasern liegt im Bereich von Hämoglobin und Melanin. Um Kollagengewebe wie z.B. in der Zungenbandfaszie schneiden zu können, muss die Spitze der Laserfaser aktiviert werden, welches zu einer Erhitzung von bis zu 1.000°C führt.
Ein Elektrotom schneidet ebenfalls durch Erhitzung. Die thermische Belastung des Gewebes kann durch die geeignete Technik (intermittierende Arbeitsweise, Kühlung) geringgehalten werden. [i],[ii], [iii],[iv],[v]
Die Wellenlänge des CO2-Lasers hat ihr Absorptionsmaximum im Wasser. Der Schneidevorgang erfolgt durch Vaporisation von Wasser bei ca. 100°C. Der Laser muss das Gewebe beim Schneidevorgang im Unterschied zum Diodenlaser nicht berühren, die Schnitttiefe liegt bei 0,1mm, was eine sehr gezielte Gewebsabtragung zulässt. [vi],[vii],[viii],[ix],[x]
[i]Baxter R. Tongue-tied: How a tiny string under the tongue impacts nursing, speech, feeding, and more. Pelham: Alabama Tongue-Tie Center, 2018
[ii] Ghaheri B. The misunderstanding of posterior tongue tie anatomy and release technique. Internet: https:// www.drghaheri.com/blog/2015/8/18/ the-misunderstanding-of-posterior- tongue-tie-anatomy-and-release- technique
[iii] Mazzoni A; Navarro, R.S.; Fernandes K.P.S.; Mesquita-Ferrari, R.A.; Horliana, A.C.R.T.; Silva, T.; Sontos, E.M; Sobral, A.P.T; Júnior, A.B.; Nammour, S.; et al. Comparison of the Effects of high-Power Diode Laser and Electrocautery for Lingual Frenectomy in Infants: A blinded randomzied controlled clinical trial; J Clin Med. 2022, 11, 3783
v] Sfasciotti, G.L.; Zara, F.; Fioravanti, M.; Guaragna, M.; Palaia, G.; Polimeni, A. Frenulectomy with Diode Laser Technology in Paeditric Patients: Quantitative and Qualitative Evaluations. Randomized Double- Blind. Clin. Trial. Appl. Sci. 2020, 10, 4114.
[vi] Cercadillo-Ibarguren I, EspanñA, Arnabat-Dominguez J, Valmaseda-Castellón E, Berini-Aytés L, Gay-Escoda C. Histologic evaluation of thermal damage produced on soft tissues by CO2, Er,Cr:YSGG and diode lasers. Med Oral Patol Cir Bucal 2010;15 (6):e912-918
[vii] Vitruk P. Superpulse 10,600 nm CO2 laser revision of lingual frenum previously released with a diode hot glass tip. 2017. Internet: https:// www.academia.edu/91314270/ Superpulse_10_600_nm_CO2_Laser_ Revision_of_Lingual_Frenum_ Previously_Released_with_a_Diode_ Hot_Glass_Tip
[viii] Chinforush N, Ghadimi S, Yarahmadi N, Kamali A. Treatment of ankyloglossia with Carbon Dioxide (CO2) Laser i a pediatric patient. J Laser Med Sci 2013; 4(1):53-55
[ix] Fiorotti RC, Bertolini MM, Nicola JH, Nicola EMD. Early lingual frenectomy assisted by CO2-Laser helps prevention and treatment of functional alterations caused by ankyloglossia. Int J Orofacial Myology 2004;30 81): 64-71
[x] Sfasciotti GL, Zara F, Vozza I, Carocci V, Ierardo G, Polimeni A. Diode versus CO2 laser therapy in the treatment of high labial frenulum attachment: A pilot randomized, double-blind clinical trail. Int J Environ Res Public Health 2020; 17 (21):7708
[i] Noda M, Aoki A, Mizutani K, Lin T. Komaki M, Shibata S., Izumi Y. High frequency pulsed low-level diode laser therapy accelerates wound healing of tooth extraction socket: An in vivo study. Lasers Sug Med 2016;48 (10);995-964
Betreuung im interdisziplinären Team
Egal, welche chirurgische Technik angewendet bzw. welche Instrumente eingesetzt werden: auf eine präoperative Vorbereitung sowie eine post-operative Nachbereitung durch Ko-Therapeuten und -therapeutinnen kann bei keinem Medium verzichtet werden!
Die Notwendigkeit des individuellen Wundmanagements ist abhängig von der Ausdehnung der Wundfläche, dem Vorhandensein einer Naht und der Ursprungsanatomie zu bestimmen. Das aktive Wundmanagement bei unvernähter Wunde dient der gesteuerten vertikalen Wundheilung und verhindert das Reattachment des mit Fibrin belegten Wundgebiets.[i] Komplikationen wie Reattachment, Nachschmerzen, Narbenbildung und selten Nachblutung können bei jedem Medium auftreten.[ii]
Zusammenfassend ist zu sagen, dass eine erfolgreiche Zungenbanddurchtrennung sowohl mit CO2- als auch Diodenlaser, Schere, Skalpell oder Elektrotom durchgeführt werden kann. In der Literatur gibt es keine Studien, die die Überlegenheit eines Trennmediums über das andere zeigen. Entscheidender als das Werkzeug sind neben der korrekten Indikationsstellung, die Erfahrung des Behandlers bzw. der Behandlerin und die qualifizierte Vor- und Nachsorge durch die Co-Therapeut/-innen. 1,[iii],[iv],[v]